Matthias Zurflüh, wozu braucht es einen Verein zur Förderung junger Personen in der Gemeindepolitik?
Weil tatsächlich nur wenig junge Leute – unter 35 Jahren – politisch aktiv sind. Dies, obwohl so ein Amt spannend und lehrreich ist: Sitzungen leiten, diplomatisch geschickt verhandeln, interdisziplinäre Teams führen – das sind Kompetenzen, die man im Arbeits- oder Unternehmerumfeld nicht zwingend lernt. Diese positiven Seiten der Miliz­arbeit wollen die Mitglieder des FJG anderen jungen Menschen vermitteln. Wir müssen den sogenannten «Amtsstolz» fördern. Milizarbeit wird heute zu wenig wertgeschätzt. Unsere Vision ist es, diese gesellschaftspolitische Wertehaltung zu verändern. Das ist ein sportlicher Vorsatz, aber eine Vision soll ja ehrgeizig formuliert sein.

Wie kann man diesen Amtsstolz fördern?
Einerseits können die Amtsträger selbst dazu beitragen, indem sie anderen erzählen, wie spannend ihre Aufgaben sind und welche Kompetenzen sie aufbauen. Aber auch die Wirtschaft ist in der Pflicht. Unternehmen könnten, wenn zwei gleichwertige Bewerbungsdossiers auf dem Tisch liegen, die Person mit einem Milizamt bevorzugen. Der Personalverantwortliche sollte erkennen, dass dieser Bewerber Fähigkeiten mitbringt, die andere nicht haben. In KMU – dazu gehören ja auch Zahnarztpraxen – fehlt dieses Bewusstsein leider noch vielerorts. Einige Grossbanken, Versicherungen und der Bund hingegen geben Angestellten, die sich in der Gemeindepolitik engagieren, sogar eine Woche zusätzliche Ferien.

Ist das Milizsystem überhaupt noch zeit­gemäss?
Mehr denn je. Die sogenannte Generation Z, die nach der Jahrtausendwende Geborenen, hat andere Ansprüche ans Arbeitsleben als ihre Eltern: Teilzeitarbeit, vielfältige und sinnvolle Aufgaben, lokales Engagement. Genau das bietet ein Miliz­amt in der Politik oder in einem Verband.

Demnach wird die Generation Z Milizarbeit fördern, sobald sie selbst Chefs und Personalverantwortliche sind?
Das ist möglich. Die grosse Frage ist aber, ob wir bereit sein werden, gewisse Ansprüche zu überdenken. Zum Beispiel: Muss ein Kommunalpolitiker zwingend auch in dieser Gemeinde wohnen?

Welche Faktoren schrecken junge Menschen ab, ein Milizamt zu übernehmen?
Hauptsächlich die Einschränkung ihrer Flexibilität. Sie wollen sich nicht für mehrere Jahre verpflichten. Diesem Problem versuchen wir gegenzusteuern, indem wir projektorientiert arbeiten. Ein Schulhaus neu bauen, einen Jugendrat bilden, die Jungbürgerfeier organisieren – für solche kurzzeitigen Verpflichtungen kann man jüngere Personen durchaus motivieren. Ein weiterer Punkt: Viele wissen nicht, dass Gemeinden heutzutage moderne Strukturen haben, zum Beispiel ein elektronisches Sitzungsmanagement. In der Gemeindebehörde, in der ich aktiv bin, stimmen wir vor einer Sitzung elektronisch über die Traktanden ab. Wenn sich alle einig sind, braucht es keine Diskussion mehr, und die Sitzung entfällt. Eine SSO-Sektion hat vielleicht nicht dieselben Möglichkeiten, weil eine professionelle Verwaltung fehlt. Dennoch muss sich das Gremium nicht immer abends um 19 Uhr im Sitzungszimmer treffen.

Wer ein Amt in einem Vorstand übernimmt, exponiert sich. Entscheidungen werden kritisiert, und der Umgangston ist nicht immer höflich. Ist das nicht auch abschreckend?
Dieses Problem existiert vor allem in grös­se­ren Gemeinden. Einen Politiker zu kritisieren ist einfacher, wenn man ihn nicht persönlich kennt. Aber:In einem Exekutivamt oder auch im Vorstand einer SSO-Sektion betreibt man Sachpolitik: Ist genug Geld da, um ein Projekt zu realisieren? Ist es sinnvoll, gewisse Dienste zu fusionieren? Diese konstruktive Arbeit wird meistens wertgeschätzt.

Welche Rolle spielt die Entlohnung? Wer in einem Unternehmen Karriere macht, verdient mehr als ein Lokalpolitiker.
Das ist richtig. Wir hatten deshalb überlegt, ob es sinnvoll wäre, die Ansätze für Exekutivpolitiker in der ganzen Schweiz zu vereinheitlichen. Aber letztlich sollte es bei der Miliz­arbeit nicht ums Geld gehen, sondern um die Motivation. Einen vielversprechenden Ansatz verfolgen wir in Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI): Das Engagement im öffentlichen Dienst, in einer Kommission oder in der Exekutive soll mit ECTS-Punkten belohnt werden, oder man soll es sich an einen Fachausweis anrechnen lassen können. Tatsächlich erwirbt man in so ­einem Amt ja Führungskompetenzen. Das Projekt stiess auf grosses Interesse, es ist aber noch nicht spruchreif.

Klimademos, Frauenstreik … Man hat den Eindruck, dass sich junge Menschen sehr wohl für das Allgemeinwohl interessieren. Warum hat es trotzdem zu wenig Junge in der Gemeindepolitik?
Das Problem liegt anderswo. Wir haben die Demonstranten an einem der Klima­streiks nach dem Unterschied zwischen Exekutive und Legislative gefragt. Von über 50 Jugendlichen konnten nur zwei die Frage beantworten. Ihnen fehlt die staatspolitische Bildung. Deshalb erarbeiten wir zusammen mit dem Dachverband der Jugendparlamente einen Unterrichtsblock, der in Gymnasien umgesetzt werden soll. Ausserdem haben wir bei Bundeskanzler Walter Thurnherr angeregt, dass das sehr häufig genutzte Lehrmittel für den Staatskundeunterricht künftig auch die Gemeindeebene abbildet. Zurzeit sind nämlich nur die kantonale und die Bundesebene abgebildet. Aber uns ist auch klar: Die politische Bildung von Jugendlichen hängt sehr stark vom Elternhaus ab. Ich habe sogar ein gewisses Verständnis für alle, die das dicke Couvert mit den Wahlunterlagen nicht durcharbeiten mögen. Unser System ist kompliziert.

Welche weiteren Möglichkeiten sehen Sie, um junge Menschen für ein Milizamt motivieren zu können?
Man muss die Jungen direkt ansprechen. Idealerweise übernimmt dies nicht ein grau melierter älterer Mann, sondern eine Person, die selbst noch nahe an der Lebenswelt der jungen Leute ist.

Kann ein Gremium auch zu jung sein?
Ja, es braucht einen guten Mix. Ein 70-Jähriger bringt Lebenserfahrung mit, die ebenso nützlich ist wie jugendlicher Elan. Wir streben immer Diversität an.

Warum gibt es so wenige Frauen in Miliz­ämtern?
Diese Frage stellen wir uns ebenfalls, wir haben aber noch keine definitive Antwort gefunden. Wir vermuten einen Domino­effekt: Männer rekrutieren wiederum Männer. Wenn ältere Herren neue Mitglieder für ein Gremium rekrutieren, fühlt sich eine 30-jährige Frau vielleicht weniger angesprochen. Dass es auch anders geht, beweist beispielsweise die grüne Partei im Kanton Bern: 40 Prozent der Kandidaten auf ihrer Liste sind Frauen, auch die Spitzenkandidaten.

Welche Tipps würden Sie einer SSO-Sektion geben, die Kadermitglieder sucht?
Aus meiner Sicht macht die SSO schon vieles richtig: Etwa wenn SSO-Vertreter die Universitäten besuchen und den Studenten erklären, wozu es einen Verband braucht, dass sie die Möglichkeit haben, die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit selbst mitzugestalten. Diese Begleitung könnte vielleicht noch intensiver sein. Oder man könnte die Absolventen ein, zwei Jahre nach dem Studium im Rahmen eines Alumni-Anlasses erneut kontaktieren. Auch die Universitäten stehen in der Pflicht. Letztlich ist aber die Frage, ob man sich engagiert, eine Frage der Persönlichkeit und der gesellschaftspolitischen Werthaltung. Diese zu korrigieren ist eine Generationenaufgabe. Das geht nicht von heute auf morgen.