Martin Schimmel, wie steht es um die Zahngesundheit der ältesten Schweizerinnen und Schweizer?

Das wissen wir leider nur aus Erfahrungswerten, weil belastbare wissenschaftliche Daten fehlen. Die einzigen repräsentativen Zahlen stammen aus der Schweizer Gesundheitsbefragung, die alle zehn Jahre durchgeführt wird, sowie aus Untersuchungen von Dr. Giorgio Menghini in ­einem Heim in Zürich. Aus diesen wenigen Daten wissen wir: Die Zahnlosigkeit nimmt ab. Das zeigt uns, dass die Präventionsbemühungen, wie sie seit Anfang der 60er-Jahre umgesetzt werden, erfolgreich sind. Andererseits sehen Zahnärztinnen und Zahnärzte in der Praxis häufig, dass es um die Mundgesundheit von pflegebedürftigen Patienten sehr schlecht steht. Daher besteht trotz fehlender Daten echter Handlungsbedarf.

Und wie sieht es bei anderen vulnerablen Bevölkerungsgruppen aus?

Auch darüber gibt es keine belastbaren Daten. Ich kann deshalb nur sagen, was ich selbst sehe oder was ich von Kolleginnen und Kollegen höre: Kinder mit speziellen Bedürfnissen werden in der Regel von ihren Eltern sehr gut betreut. Bei den Gefängnisinsassen, die wir an den Zahnmedizinischen Kliniken (ZMK) Bern betreuen, ist die Mundgesundheit recht schlecht. Von den Randständigen wissen wir es nicht, vermutlich ist die Situation ähnlich. Von den Working Poor gehen wohl viele aus finanziellen Erwägungen nicht zum Zahnarzt oder zur Dentalhygiene. An den ZMK Bern erstellen wir viele Gutachten fürs Sozialamt. Dabei ­sehen wir, dass die Mundhöhle dieser Bevölkerungsgruppe häufig weniger gepflegt ist und die Menschen zahlreiche Risikofaktoren aufweisen.

Sie sind seit 2019 SSO-Beauftragter für Alterszahnmedizin. Welche Herausforderungen möchten Sie anpacken?

Ich bin an der Universität angestellt – ein «akademischer Zahnarzt» sozusagen. Ich möchte also Dinge umsetzen, die auf Fakten oder Daten beruhen. Mein grösstes Anliegen ist die Umsetzung der ersten Schweizer Mundgesundheitsstudie zusammen mit Prof. Guglielmo Campus, der die Stiftungsprofessur für Präventivzahnmedizin und orale Epidemiologie an der Universität Bern innehat. Parallel dazu sollten wir mit Experten für Gesundheitsökonomie über weitere Projekte beraten. Ich wünsche mir Projekte, die tatsächlich eine gesundheitspolitische Wirkung entfalten, ähnlich wie damals die Einführung der Schulzahnpflege. Dabei ist es wichtig, dass die Wünsche und Bedürfnisse der betroffenen Menschen von Anfang an einbezogen werden und dass wir unsere paternalistisch geprägten Konzepte überdenken.
In der Standespolitik sollten wir uns auf bestimmte Gebiete fokussieren, um in der grossen Politik eine Wirkung zu entfalten. Ein Beispiel wäre die Verhinderung von Aspirationspneumonien durch korrekte Mundhygiene. Darüber wissen wir schon einiges, und Prof. Frauke Müller hat in Genf ein spannendes Projekt in der Geriatrie aufgezogen, das auch in Bern läuft, hier können wir also bald Schweizer Daten liefern. Ein anderes mögliches Fokusgebiet ist Mundgesundheit bei Demenz. Mir liegt auch am Herzen, dass wir die FMH und die Pflegefachverbände ein­binden. Das sind die Menschen, die an der Front sind und uns auf verschiedene Dinge aufmerksam machen können.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die postgraduelle Weiterbildung für Gerodontologie in der Schweiz. Hierzu arbeiten wir in der Schweizerischen Gesellschaft für Alters- und Special-Care-Zahnmedizin (SSGS) an einem Projekt, das wir mit der SSO und ihren Sektionen umsetzen möchten.

Sie sind auch Präsident der SSGS. Gibt es ­Synergien?

Die gibt es. Ein banales Beispiel: Sowohl die SSO als auch die SSGS führen eine Liste von Zahnärzten, die gerodontologische Behandlungen anbieten. Das habe ich erfahren, weil ich jetzt in beiden Gremien Mitglied bin. Die Listen werden nun abgeglichen und die Informationen miteinander verlinkt. Ganz wichtig ist, dass wir uns auf empfehlenswerte Konzepte einigen und diese konsequent kommunizieren.

Gibt es Dinge, die Sie gerne umsetzen würden, die aber einfach nicht realistisch sind?

Dass jedes Alters- und Pflegeheim zeitnah einen Partnerzahnarzt ernennt. Das wäre ein grosser Wunsch, ist aber politisch zurzeit nicht umsetzbar. Der Kanton Graubünden hat aufgezeigt, wie es gehen kann. Eine grosse Hürde ist das fehlende Bewusstsein für diese Thematik in den Alters- und Pflegeheimen.

Ältere Menschen gehen häufig nicht mehr regelmässig zum Zahnarzt oder zur Dental­hygiene. Jahre später trifft man diese Menschen dann in einem Alters- oder Pflegeheim, meist mit deutlich verschlechterter Mundgesundheit. Was passiert in der Zwischenzeit?

Darüber können wir nur spekulieren. Wahrscheinlich ist, dass diese Menschen vermehrt allgemeinmedizinische Probleme haben, ihre Mobilität nimmt ab, sie nehmen zuckerhaltige und/oder speichelflussmindernde Medikamente ein, konsumieren vermehrt kariogene Nahrung, gehen häufiger zum Arzt und seltener zum Zahnarzt. Dieses Phänomen tritt übrigens weltweit auf.

Was können Zahnärztinnen und Zahnärzte tun, um diese Patienten nicht aus den Augen zu verlieren?

Dazu brauchen wir einen neuen Ansatz. Wir könnten Ärzte und das Pflegepersonal dafür sensibilisieren, dass sie ihren Patienten auch regelmässig in den Mund schauen und die Grundprobleme der Mundgesundheit erkennen. Leitfaden könnte das «Handbuch der Mundhygiene. Ratgeber für das Pflegepersonal» sein, das die SSO herausgegeben hat. Man könnte auch dazu anregen, dass beim Mahlzeitendienst registriert wird, wenn ein Kunde neu püriertes Essen bestellt. Das entspricht gemäss einer Studie der ZMK Bern und der CUMD Genf übrigens auch dem Bedürfnis der pflegebedürftigen Menschen: Viele wünschen sich, dass die Zahn- und Mundgesundheit kontrolliert wird, wenn sie beim Allgemeinarzt sind. Wir müssen unser System den Präferenzen der Patienten anpassen, um dessen Wirksamkeit zu erhöhen. Das heisst, Zahnärzte müssen vermehrt mit den Hausärzten und Pflegediensten zusammenarbeiten, um in diesem Gebiet voranzukommen.

In der Allgemeinmedizin ist die integrierte Versorgung ein grosses Thema. Zahnärztinnen und Zahnärzte werden dabei aber kaum einbezogen, weder bei der Planung noch bei der Umsetzung von lokalen Projekten. Woran liegt das?

Ich weiss, dass die Spitex-Organisationen einen engeren Kontakt zu den Swiss Dental Hygienists pflegen als zur SSO. Die Spitex ist dezentral organisiert, deshalb muss der Kontakt entweder auf lokaler Ebene zustande kommen oder über den Dachverband der Spitex-Organisationen. Aber die Herausforderung ist komplex. Als ich an der Universität Genf arbeitete, hat Frauke Müller Ausbildungen für Pflegefachleute organisiert, damit diese die Mundhöhle der Bewohner besser pflegen können. Dabei ­erhielt ich den Eindruck, dass viele Teilnehmende die eigene Mundgesundheit als nicht wichtig erachten. Das ist natürlich problematisch, weil sie dann möglicherweise bei den Pflegebedürftigen auch weniger darauf achten. Ich könnte mir vorstellen, dass da ein Zusammenhang besteht.

Die sozialen Einrichtungen reagieren unterschiedlich auf die Herausforderung Mundgesundheit: Manche richten ein DH-Zimmer ein, andere organisieren für die Bewohnerinnen und Bewohner einen Fahrdienst in die Zahnarztpraxis. Wäre ein übergeordnetes Konzept für die ganze Schweiz besser?

In den letzten 30 Jahren haben wir das Problem bei der zahnmedizinischen Betreuung älterer Menschen erkannt, und viele engagierte Einzelkämpfer haben an einer Lösung gearbeitet. Wenn die SSO, die SSGS und auch die anderen Verbände eine gemeinsame Empfehlung abgeben könnten, müsste nicht jeder das Rad neu erfinden. Diese Empfehlung könnte auch das Konzept sein, das die Universität Zürich mit dem Verband Curaviva erarbeitet hat. Und – jetzt kommt wieder der Akademiker in mir zum Vorschein – so ein Konzept müsste natürlich wissenschaftlich begleitet werden. Denn wenn wir künftig auf politischer Ebene etwas erreichen wollen, müssen wir wissen, um wie viel die Pflegekosten dank regelmässiger Mundhygiene sinken, inwiefern die Lebensqua­lität erhalten bleibt, wie viel weniger Spezialnahrung zur Verfügung gestellt werden muss, wie viele Pneumonien vermieden werden, solche Aspekte. Aber so ein Konzept muss bei verschiedenen Gremien in Vernehmlassung gehen, die Diskussion dauert deshalb sehr lange.

Sie sind seit einiger Zeit auch Direktor der Klinik für Rekonstruktive Zahnmedizin und Gerodontologie an den ZMK Bern. Wie viele Studierende interessieren sich für Alterszahnmedizin?

Die Gerodontologie ist integraler Bestandteil des Zahnmedizinstudiums und auch des postgraduellen Studiums zum Fachzahnarzt SSRD. Von den Studentinnen und Studenten interessieren sich zirka 20 Prozent für die Alterszahnmedizin, würde ich schätzen. Bei den postgraduellen Studierenden sind es deutlich mehr, weil sie an einer Klinik für Rekonstruktive Zahnmedizin und Gerodontologie studieren. Sie sehen, dass unsere Patienten immer älter werden. Der Altersmedian liegt bei über 65 Jahren und steigt jedes Jahr. Bereits über 20 Prozent der Implantatpatienten sind über 70 Jahre alt. Jeden Tag haben die Studierenden mit alten Patientinnen und Patienten zu tun. Wer diese Fachzahnarztausbildung absolviert, wird im Laufe des Berufslebens vermehrt alte und sehr alte Menschen behandeln.

Können Sie es nachvollziehen, wenn Studierende finden, das interessiert mich nicht?

Ich bin sicher, es gibt heutzutage kaum noch Zahnärzte – ausser vielleicht Kieferorthopäden –, die nicht viele alte Patienten behandeln. Das vermitteln wir in der interdisziplinären Vorlesungsreihe, die von allen Kliniken und auch von Geriatern mitgestaltet wird. Wenn man ein bisschen empathisch ist und ein Herz hat – und das würde ich den allermeisten angehenden Zahnärztinnen und Zahnärzten unterstellen –, dann sieht man die Probleme dieser Patienten und will dann auch helfen.

Das Durchschnittsalter in der Schweiz wird immer höher. Wird es künftig noch genug Zahnärzte geben, um die alten Menschen zu behandeln?

Das wird sich von allein regeln. Gerodontologie wird künftig nicht ein Fachgebiet sein, das nur wenige Spezialisten beherrschen. Alle Zahnärzte werden gerodontologische Zahnmedizin anbieten, weil sich die Altersstruktur der Patienten rasch verändert. Die Kolleginnen und Kollegen in der Privatpraxis werden sich im bekannten und bewährten System der Schweiz weiterbilden. Die Fachgesellschaften werden dies unterstützen und begleiten. Wichtig ist, dass wir den Zahnärztinnen und Zahnärzten in den Privatpraxen die richtigen Konzepte und Werkzeuge aufzeigen, wenn sie alte Patienten behandeln, und dies mit Konzepten unterstützen, die wissenschaftlich fundiert sind.