Eine Slalomstange, die ins Gesicht schlägt oder ein Sturz mit dem Velo tun den Zähnen nicht gut. Doch wer intensiv Sport treibt, hat nicht nur ein erhöhtes Risiko für Zahnunfälle, sondern auch für Karies und Erosionen.

In der Schweiz gibt es seit 2020 eine Fachgesellschaft, die sich mit der zahnmedizinischen Behandlung und mit Prophylaxe bei Sportlerinnen und Sportlern befasst: die Schweizerische Gesellschaft für Sportzahnmedizin (SGSZM). Präsident ist PD Dr. Christian Tennert, Oberarzt an der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin der Universität Bern. Er ist selbst aktiver Radsportler und lizenzierter Mountainbike-Fahrer. Die SGSZM berät Zahnärztinnen und Zahnärzte, die Sportlerinnen und Sportler behandeln. Zudem bietet die Gesellschaft ein Forum, damit Interessierte sich fachlich austauschen und fortbilden können.

Die Mundgesundheit beeinflusst die Leistung

Die Beratung der SGSZM werde gerne in Anspruch genommen, erzählt Christian Tennert. Häufig gehe es dabei um die Behandlung von Verletzungen von Zähnen, Zahnfleisch und Zahnhalteapparat – aber nicht nur. Auch der Einfluss der Mundgesundheit auf den Körper ist ein Thema: «Entzündungen im Mund können die sportliche Leistung schmälern», erklärt Tennert. «Kann ein Athlet eine Zeit lang nicht an sein gewohntes Leistungsniveau anknüpfen, kommt es vor, dass sein Arzt ihn zum Zahnarzt schickt.» Oft finde dieser dann eine Entzündung oder eine tiefe Karies, zum Beispiel an den Weisheitszähnen. «Nach der Behandlung steigern diese Patienten ihre Leistung im Lauf weniger Wochen. Im Alltag würde sich solch eine kleine Entzündung kaum bemerkbar machen. Leistungssportler spüren jedoch sehr wohl einen Unterschied, etwa durch einen leicht erhöhten Puls oder durch einen Leistungsabfall beim Intensivtraining oder im Wettkampf.»

Weniger Speichel durch Medikamente

Bei der zahnmedizinischen Behandlung von Leistungssportlern sind auch die Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten zu beachten. Medikamente zur Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Antidepressiva – laut Christian Tennert sind Depressionen im Leistungssport nicht selten – können die Speichelfliessrate reduzieren und so das Kariesrisiko erhöhen. Bei Schmerzmitteln, mit denen ein Sportler trotz Verletzung schnell wieder trainieren kann, ist dies nicht der Fall. Sie können jedoch die Darmflora verändern und dadurch das Immunsystem beeinträchtigen. Dies wiederum fördert Zahnfleischentzündungen und Parodontitis.

Sportler essen viel Zucker und Kohlenhydrate

Nicht zuletzt sollten sich Sportlerinnen und Sportler auch in Sachen Prävention anstrengen. Grund ist ihre Ernährung. «Wer Ausdauersport betreibt, ernährt sich oft sehr kohlenhydratreich. Und als schnelle Energielieferanten werden beim Training und während der Wettkämpfe stark zuckerhaltige Nahrungsmittel und Getränke konsumiert», weiss Christian Tennert. Sportlerinnen und Sportler brauchen deshalb eine gute Beratung über zahnschonende Ernährung und über den Einsatz von Fluoridprodukten. Die Ernährung kann sich jedoch auch positiv auswirken – wieder spielen Entzündungen eine Rolle: «Jede sportliche Belastung reizt die Muskelfasern und löst kleine Entzündungen aus. Eine geeignete Ernährung kann diese reduzieren. Tierische Produkte beispielsweise enthalten viele gesättigte Fettsäuren, die entzündlich wirken. Manche Sportler verzichten deshalb auf Fleisch, Eier und Milchprodukte. So kann sich der Körper nach dem Training oder nach einem Wettkampf schneller erholen.» Die Ernährungsumstellung wirkt sich in der Folge auch im Mundraum aus.

Parodontitis ist ein Warnsignal

In der Sportzahnmedizin bilden Zahnmedizin und Ernährungsmedizin eine wichtige Schnittstelle. Der Zusammenhang sei eigentlich offensichtlich, findet Christian Tennert; nicht nur bei Sportlerinnen und Sportlern, sondern bei allen Menschen: «Zahnärztinnen und Zahnärzte behandeln häufig Karies, Zahnfleischentzündungen und Parodontitis. Das sind alles ernährungsbedingte Krankheiten. Mit einer angepassten Ernährung liessen sie sich vermeiden oder zumindest mittherapieren.»

Deshalb seien orale Erkrankungen nicht nur ein Zeichen für eine ungenügende Mundhygiene, sondern sie deuten auf einen ungesunden Lebensstil und eine zucker- und kohlenhydratreiche Ernährung hin. «Blutendes Zahnfleisch und Karies sind ein frühes Warnsignal: Diese Patienten haben ein erhöhtes Risiko, im fortgeschrittenen Alter Diabetes oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Durch entsprechende Beratung und Behandlung kann der Zahnarzt dazu beitragen, diesen Krankheiten vorzubeugen.»

Leider werde auf diesem Gebiet wenig geforscht, bedauert Christian Tennert, der sich vor einigen Jahren zum Ernährungsmediziner weitergebildet hat. Forschungsprojekte über Prophylaxe- oder Fluoridprodukte sind einfacher zu finanzieren, weil die Dentalindustrie ein Interesse daran hat. Dies allein sei der Grund, warum die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Mundgesundheit nicht so gut untersucht sind wie Mundhygiene und Mundhygieneprodukte. «Es existieren aber gute klinische Studien, die diese Zusammenhänge zwischen Ernährung und Mundgesundheit sehr gut beleuchten. »

Alle Zahnärztinnen und Zahnärzte sind angesprochen

Fortbildungsmöglichkeiten für sportzahnmedizinisch interessierte Zahnärztinnen und Zahnärzte gibt es in der Schweiz bisher noch nicht. Die SGSZM bildet ihr Fortbildungsangebot über die Deutsche Akademie für Sportzahnmedizin (DASZM) in Form von Curricula, Blockseminaren und Symposien ab. Der Vorstand der SGSZM will künftig jedoch eigene Kurse oder Kongresse organisieren. Auch sollen vermehrt Fachbeiträge zur Sportzahnmedizin publiziert und Forschungsprojekte initiiert werden.

Die SGSZM legt Wert darauf, alle Sportbereiche abzudecken: Vom Hobby- über den Breiten- bis zum Leistungssport. Damit richtet sich ihr Angebot an alle Zahnärztinnen und Zahnärzte; Hobbysportlerinnen und Hobbysportler finden sich vermutlich in jedem Patientenstamm. «Die Schweizerinnen und Schweizer treiben oft und gern Sport. Deshalb ist die Sportzahnmedizin hierzulande ein relevantes Fachgebiet, das sicher weiter wachsen wird», ist Christian Tennert überzeugt.

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