Die Covid-19-Pandemie bremste weltweit das öffentliche Leben, sie brachte die Gesundheitssysteme an ihre Grenzen und liess die Wirtschaft in vielen Sektoren einbrechen. Gut vorbereitet war – zumindest in Europa und in der Schweiz – kaum jemand. Sogar die zuständigen Bundesämter wurden von der Entwicklung überrumpelt.

Die Bedrohung war bekannt

Nachdem 2003 in asiatischen Ländern die Viruserkrankung Sars ausgebrochen war, schuf die Weltgesundheitsorganisation WHO die International Health Regulations (IHR), eine Art globaler Pandemieplan. Dieser verpflichtet die WHO-Mitgliedstaaten zum Beispiel dazu, ein öffentliches Gesundheitssystem bereitzustellen, das in der Lage ist, infektiöse Krankheiten frühzeitig zu erkennen und Ansteckungsketten nachzuverfolgen. Die Vorschriften kamen 2009 zur Anwendung, als das Grippevirus H1N1, die sogenannte Schweinegrippe, kursierte, und im Jahr 2013, als sich das Middle-East Respiratory Syndrome (Mers) ausbreitete. Dennoch setzten viele Länder die IHR unvollständig oder gar nicht um.

Ein gutes Gespür zeigten 2017 die Initianten der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI). Das ist eine weltweite Allianz in öffentlich-privater Partnerschaft zwischen Regierungen, der WHO, der EU-Kommission, Forschungseinrichtungen, der Impfstoffindustrie und privater Geldgeber, u. a. der Bill & Melinda Gates Foundation. Ziel ist die Erforschung und Entwicklung neuer Impfstoffe gegen Ausbrüche viraler Infektionskrankheiten. Aktuell ist CEPI an der Implementierung der Covax-Initiative beteiligt. Diese will einen weltweit gleichen und gerechten Zugang zu Covid-19-Impfstoffen gewährleisten.

Seltene, aber schwerwiegende Ereignisse

Auch die Schweizer Behörden beschäftigten sich schon vor Covid-19 mit dem Risiko einer Pandemie. Mit der nationalen Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz» zeigt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS Szenarien von Ereignissen, die relativ selten zu erwarten sind, die aber schwerwiegende Auswirkungen haben. In der Ausgabe von 2015 wird eine mehrwöchige Strommangellage als höchstes Risiko für die Schweiz genannt. Gleich danach folgt die Gefährdung durch eine Pandemie, noch vor Erdbeben oder Hochwasser. In der aktualisierten Ausgabe von 2020 wird eine Grippepandemie als das grösste gesellschaftliche Risiko bezeichnet. Recherchen von Schweizer Radio und Fernsehen SRF zeigten im Mai, dass die Schweiz jedoch nicht besonders gut auf eine Pandemie vorbereitet war. Ein Gutachten, das im Auftrag des Verteidigungsdepartements erstellt und Ende 2018 eingereicht wurde, zeigte grosse Mängel. Es fehlten über 4000 Spitalbetten, um eine Epidemie bewältigen zu können. Und auch bei geplanten Bauvorhaben an bestehenden oder neuen Spitälern seien keine Reserven für Katastrophenfälle einberechnet worden. Ebenso wurde die Forderung des Bundes, eine Reserve an Medikamenten, Medizinprodukten und Labormaterialien zu lagern, nicht umgesetzt. Sogar das Ethanol-Lager des Bundes, das man zur Herstellung von Desinfektionsmittel gebraucht hätte, war kurz vor der Pandemie aufgelöst worden. Verantwortlich für die meisten dieser Bereiche sind die Kantone. Der Bericht wurde Anfang 2021 veröffentlicht.

Unternehmen in der Pflicht

Um die betriebliche Infrastruktur im Fall einer Pandemie aufrechtzuerhalten, hatte der Bund ein Handbuch für private Unternehmen erstellt. Es gibt Arbeitgebern Praxistipps und Checklisten. Unter anderem wird geraten, einen Vorrat an Händedesinfektionsmitteln und Hygienemasken anzulegen. Dennoch wurden die meisten Unternehmen ebenso wie die Politik vom Tempo der Ereignisse zu Beginn der Pandemie überrascht. «Der Schweizerische Arbeitgeberverband unterstützt aktiv das Pandemieplan-Handbuch, das letztmals im Jahr 2019 aktualisiert worden ist», erklärt Dr. Fredy Greuter, Mitglied der Geschäftsleitung des Verbands. «Doch wie immer folgte die reale Krise keinem vorausgedachten Drehbuch, weshalb die Handbücher in der Covid-19-Krise nur bedingt anwendbar sind. Es wäre also falsch, zu behaupten, die Wirtschaft habe sich nicht vorbereitet.» Nach der ersten Überraschung hätten die Unternehmen reagiert und zusammen mit dem BAG Schutzkonzepte entwickelt, um die Ansteckungsgefahr am Arbeitsplatz zu reduzieren.

Die Schweizer sind verwöhnt

Dass Politik, Wirtschaft und auch die meisten Privatpersonen von der Pandemie überrascht wurden, erstaunt Dr. Jacqueline Frossard nicht. Sie ist Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Juristin und Vorstandsmitglied der FSP, des grössten Berufsverbands von Psychologinnen und Psychologen in der Schweiz. «Natürlich befassen Menschen sich lieber mit angenehmen als mit unangenehmen oder gar bedrohlichen Themen wie Pandemien und Katastrophen», sagt sie. «Hinzu kommt, dass wir in der Schweiz sehr verwöhnt sind bezüglich schwerwiegender Ereignisse. Wir sind gewohnt, dass die meisten Dinge ihren normalen Lauf nehmen, wenn wir nicht aktiv eingreifen. Das macht uns umso verletzbarer, wenn ein solches Ereignis eintritt.» Aber es sei auch durchaus sinnvoll und gesund, sich nicht dauernd mit den schrecklichen Dingen zu beschäftigen, die passieren könnten, so die Psychologin. In diesem Sinne sei es nicht irrational, sich erst dann mit der Katastrophe auseinanderzusetzen, wenn sie da ist.

Hätte man sich als Privatperson besser auf die Katastrophe vorbereiten können? Davon ist Jacqueline Frossard nicht überzeugt. «Welche Folgen die Pandemie mit sich bringt, mussten wir Tag für Tag und Schritt für Schritt erst erkennen.» Sich gezielt und konzentriert auf ein aktuelles Problem zu konzentrieren, sei oft effizienter als eine lange Auseinandersetzung mit möglichen Problemen. Das gelte aber nicht für die Politik, betont Jacqueline Frossard. Diese müsse sich sehr wohl auf potenzielle Katastrophen vorbereiten und Gefahren auch dann ernst nehmen, wennsie noch nicht im Land angekommen sind.