Das Schreckgespenst «Fachkräftemangel» geistert bereits seit einiger Zeit durch die Schweiz. Erst recht seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014. Während zahnmedizinische Praxen in der Regel genügen Personal finden, ist dies in anderen Teilen der Gesundheitsbranche ein Problem: Es heisst sogar, ohne ausländische Mitarbeiter könnten einige Spitäler den Betrieb nicht aufrechterhalten.

Es fehlen Pflegefachleute

Ist es wirklich so schlimm bestellt um unsere Spitäler und Arztpraxen? Die vielen ausländischen Mitarbeiter in Spitälern seien sicher ein Hinweis, dass zurzeit zu wenig Ärzte und spezialisiertes Personal zur Verfügung stünden, erklärte Martin Bienlein vom Schweizer Spitalverband Hplus kürzlich an einer Veranstaltung der parlamentarischen Gruppe Gesundheitspolitik in Bern. Doch konkrete Zahlen gibt es kaum: «Der Personalmangel wird zwar oft hochgerechnet, aber nur selten effektiv erhoben».

Das bestätigt auch Annette Grünig, Projektleiterin bei der Schweizerischen Konferenz der Gesundheitsdirektoren GDK. Der Fachkräftemangel sei nicht überall gleich gross. Es gibt Unterschiede zwischen den Regionen, zwischen Stadt und Land, zwischen Spitälern und Pflegeeinrichtungen und nicht zuletzt zwischen den verschiedenen Berufsgruppen.

«Fachpersonen Gesundheit (Fage) gibt es in der Schweiz genügend. Aber uns fehlen die auf Tertiärstufe ausgebildeten Pflegefachleute», sagt Helena Zaugg, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und -männer. Abschreckend wirke nicht die verlangte Ausbildung an einer Fachhochschule oder höheren Fachschule, sondern die Arbeitsbedingungen: Unregelmässige Arbeitszeiten, damit verbundene Probleme eine Kinderbetreuung zu organisieren, viel Verantwortung, wenig Anerkennung und nur 400 bis 500 Franken mehr Lohn als eine «Fage» – all das führe dazu, dass Pflegefachleute nicht lange im Beruf verweilen oder dass Interessierte die Ausbildung gar nicht erst machen.

Pflegeberuf attraktiver machen

Die Situation wird sich weiter verschärfen. Denn die Lebenserwartung steigt und damit auch die Zahl pflegebedürftiger und chronisch kranker Menschen. Deshalb werden vor allem Pflegeeinrichtungen und die Spitex zusätzliche Pflegefachleute brauchen.

Vor diesem Hintergrund haben Bund und Kantone bereits Massnahmen ergriffen, um die Pflegeversorgung sicherzustellen. Viele Kantone haben beispielsweise eine Ausbildungsverpflichtung für die Gesundheitsberufe eingeführt. Doch auch die Betriebe sind gefordert. Man könnte den Personaleinsatz optimieren, schlägt Martin Bienlein vor. Und um die Pflegefachleute länger im Beruf zu halten, müssten die Betriebe die Arbeitsbedingungen verbessern und familienfreundlicher gestalten.

Mehr Hausärzte

Eindeutig hausgemacht ist der Mangel an inländischen Ärzten. «Die Schweiz hat zwar eine recht hohe Ärztedichte, bei der Ausbildung gehören wir aber im Vergleich mit anderen Ländern zu den Schlusslichtern», erklärte FMH-Präsident Jürg Schlup den anwesenden Parlamentariern. Es brauche mehr Studienplätze. Aber das allein genüge nicht. «Für die Versorgung der zunehmenden Zahl chronisch kranker Menschen brauchen wir mehr ambulante hausärztliche Kapazitäten und eine stärkere Ausrichtung auf chronische Krankheiten und Multimorbidität statt wie bisher auf Akutmedizin.» Falsch hingegen wäre eine Steuerung der Facharztausbildung. Angesichts der hohen Zahl ausländischer Ärzte wäre diese Massnahme nur begrenzt wirksam, meint Schlup.

Um die Hausärzte zu entlasten wünscht sich die FMH, dass gewisse Arbeiten an weitergebildete Medizinische Praxisassistentinnen (MPA) delegiert werden könnten. Bisher können die Leistungen der MPA gemäss Tarmed nicht verrechnet werden. Die FMH wollte dies ändern, doch die Verhandlungen mit der Santésuisse scheiterten. Die Krankenversicherer fürchteten steigende Kosten.

Langfristige Lösungen gesucht

Die Diskussion der Parlamentarier und Branchenvertreter machte deutlich: Das Problem muss jetzt angepackt werden. Denn bis junge Fachkräfte ausgebildet sind, dauert es in allen Berufsgruppen mehrere Jahre. Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft sind ohnehin langfristige Lösungen gefragt, welche alle Akteure mittragen.