Im Jahr 2002 traten die bilateralen Verträge in Kraft. Seither liessen über 4600 Zahnärztinnen und Zahnärzte aus EU-/EFTA-Ländern sowie Drittstaaten ihre ausländischen Diplome offiziell anerkennen. Zum Vergleich: Von 1896 bis heute wurden in der Schweiz insgesamt rund 8600 eidgenössische Diplome erteilt. Wie wirkt sich diese enorme Zuwanderung von Zahnärztinnen und Zahnärzten aus der EU auf die Auslastung von Schweizer Zahnarztpraxen aus? Der SSO-Vorstand wollte es genau wissen und befragte im Herbst 2015 die SSO-Praxisinhaber in der ganzen Schweiz. Angeschrieben wurden alle 3090 SSO-Mitglieder mit Status «Aktivmitglied A, Praxisinhaber oder an Praxis beteiligter Ehepartner sowie Seniormitglieder». An der Umfrage nahmen insgesamt 1385 Zahnmediziner teil, was einer sehr guten Rücklaufquote von 45 Prozent entspricht. Es wurden bewusst Fragen aus früheren Erhebungen (SSO-Zahnärzteumfrage 2012) übernommen, um Trendaussagen zu ermöglichen. Damit lässt sich aufzeigen, wie sich die wirtschaftliche Situation der Zahnarztpraxen in jüngster Vergangenheit verändert hat. Den Fragebogen konnten die Teilnehmenden dank dem neuen webbasierten Umfragemodul der SSO direkt am Computer ausfüllen und elektronisch zurückschicken. Dies hat den Vorteil, dass die Daten direkt erfasst werden und nicht nachträglich importiert werden müssen.

Weniger, aber jüngere Praxisinhaberinnen

87 Prozent der antwortenden SSO-Zahnärztinnen und -Zahnärzte haben das Staatsexamen an einer Schweizer Universität abgelegt. Die meisten Befragten promovierten in Zürich (35%), gefolgt von Bern (28%), Basel (21%) und Genf (16%). Die restlichen 13 Prozent, in Zahlen 175 Praxisinhaber, besitzen ein ausländisches Diplom. Davon praktizieren die meisten in Einzelpraxen in kleinen Ortschaften mit 2000 bis 10'000 Einwohnern. Diese Zahlen spiegeln aber nicht die Realität – der verbandsinterne Ausländeranteil entspricht nicht dem wahren Anteil an ausländischen Behandlern in der Schweiz. Aus einfachem Grund: Nur ein geringer Anteil der Kollegen tritt der nationalen Standesorganisation bei, weil es nicht wie in den benachbarten Staaten Voraussetzung für eine freie Berufsausübung ist.
Während der Frauenanteil bei den jährlich erteilten eidgenössischen Diplomen mittlerweile über 60 Prozent beträgt, zeigt sich bei den SSO-Praxisinhabern ein anderes Bild: Noch wird nur eine von fünf SSO-Zahnarztpraxen von einer Frau betrieben. Allerdings sind die Praxisinhaberinnen im Durchschnitt jünger als ihre männlichen Kollegen; 44 Prozent sind unter 46 Jahre alt. Bei den Praxisinhabern sind es nur 27 Prozent. Nach wie vor ist die Einzelpraxis die am weitesten verbreitete Praxisform: Mehr als sieben von zehn SSO-Praxisinhabern betreiben eine Einzelpraxis (71%). Über ein Viertel praktiziert in einer Gemeinschaftspraxis (27%) und je 1 Prozent ist in einem Zahnarztzentrum beziehungsweise an einer öffentlich-rechtlichen Institution beschäftigt. Zahnärztinnen (37%) betreiben häufiger Gemeinschaftspraxen als Zahnärzte (24%).

Beschäftigungsgrad

Betrachten wir den Beschäftigungsgrad nach Geschlecht, zeigt sich ein bekanntes Bild: SSO-Praxisinhaberinnen praktizieren deutlich häufiger Teilzeit als ihre männlichen Kollegen. Fast jede Dritte (28%) gibt an, zwischen 20 und 60 Prozent zu arbeiten, bei den Männern sind es nur vier von hundert (4%). Die These, wonach jüngere Zahnmediziner weniger arbeiten als ihre älteren Kollegen, lässt sich bei dieser Umfrage nicht bestätigen: 85 Prozent der SSO-Praxisinhaber unter 35 Jahren geben an, zwischen 80 und 100 Prozent zu arbeiten. Bei den über 55-jährigen Inhabern sind es 73 Prozent. Wie bei der Zahnärzteumfrage 2012 antworteten zwei Drittel der Zahnmediziner, zwischen 36 und 50 Stunden pro Woche zu praktizieren. Dass die durchschnittliche Arbeitsbeanspruchung stagniert, hängt unter anderem mit dem hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigten zusammen. So arbeiten 36 Prozent der SSO-Zahnärztinnen und 12 Prozent der SSO-Zahnärzte unter 35 Stunden pro Woche. Dies wirkt sich auch auf die durchschnittlichen Behandlungsstunden pro Woche aus. Verglichen mit den früheren SSO-Zahnärzteumfragen ist die Zahl der Behandlungsstunden von 36 Stunden (2001) beziehungsweise 34,8 Stunden (2012) auf heute 33,9 Stunden gesunken.

Auslastung der SSO-Zahnarztpraxen

Wenn wir die kurzfristige Auslastung der Zahnarztpraxen betrachten, zeigt sich ein differenziertes Bild: Ein Drittel der Befragten (34%) gibt an, in dieser und der nächsten Woche zu 90 Prozent ausgelastet zu sein, 37 Prozent sind für die nächsten 2 bis 3 Wochen und 29 Prozent sind über 4 Wochen gut ausgelastet. Während sich bei der Auslastung zwischen den Einzel- und Gemeinschaftspraxen keine nennenswerten Unterschiede feststellen lassen, spielt die geografische Lage der SSO-Zahnarztpraxen eine wesentliche Rolle. SSO-Praxisinhaber in urbanen Zentren (Basel, Bern, Genf, Lausanne, Lugano, St. Gallen, Zu?rich) können ihre Praxen weniger lange zu 90 Prozent auslasten, als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Peripherie. Anders die Zahnarztpraxen in kleinen bis mittelgrossen Ortschaften (2000 bis 49'999 Einwohner) wie Baden, Delémont, Frauenfeld, Yverdon-les-Bains oder Schaffhausen. Hier können zahlreiche Behandler ihren Patienten kaum mehr kurzfristige Termine anbieten.
Weiter interessierte, wie sich die Nachfrage nach Dienstleistungen von SSO-Zahnarztpraxen in den letzten drei Monaten entwickelt hat. 52 Prozent der antwortenden Praxisinhaber begrüssten bis zu 20 neue Patienten, 23 Prozent zwischen 21 und 40 Patienten und weitere 18 Prozent über 40 Patienten. Auf die Frage, wie sehr sie mit ihrem Pensum in den letzten vier Wochen ausgelastet waren, geben 36 Prozent aller Befragten an, voll ausgelastet zu sein. Im selben Zeitraum konnte nicht ganz die Hälfte der Behandler mit eigener Praxis (46%) ihre Praxen zu mehr als 80 Prozent auslasten. Allerdings antworten auch 18 Prozent, ihre Zahnarztpraxis sei zu weniger als 80 Prozent ausgelastet.

Düsterere Zukunftsaussichten

Besonders in den Städten und Agglomerationen haben die SSO-Zahnärztinnen und -Zahnärzte mit der Unterauslastung ihrer Praxen zu kämpfen. Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass 58 Prozent aller Befragten der Meinung sind, es habe zu viele Zahnarztpraxen in ihrem Versorgungsgebiet. Insbesondere die Zahnärzteschaft mit Praxen in den Städten teilt diese Haltung. Zum Vergleich: In der letzten Zahnärzteumfrage der SSO aus dem Jahr 2012 meinten erst 46 Prozent der Befragten, die Schweiz sei zahnmedizinisch überversorgt. Entsprechend vorsichtig beurteilt die SSO-Zahnärzteschaft die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Praxen. Während 41 Prozent eine stabile Entwicklung prognostizieren, erwarten 29 Prozent eine eher negative Entwicklung. Diese pessimistischen Stimmen haben gegenüber der letzten Zahnärzteumfrage von 2012 um 6 Prozentpunkte zugelegt.