Im Fokus der diesjährigen SSRD-Tagung standen vor allem Neuerungen im Bereich der CAD/CAM-unterstützten Zahnmedizin. Der Fortschritt dieser Technik hält die rekonstruktive Zahnmedizin bereits seit Jahrzehnten in Atem. Mittlerweile ist sie aus den meisten Praxen nicht mehr weg zu denken. Zu verheissungsvoll sind auch die Versprechen an die Zahnärzte: einfaches sauberes Scanning statt mühsame, zeitaufwändige Abformungen mit plastischen Materialien. Vor allem der Patient dürfte letztlich von der Weiterentwicklung dieser Technik profitieren: Die Behandlung wird angenehmer und im besten Fall auch günstiger. Während die Behandlungsmethode für Einzelzahnrekonstruktionen längst verbreitet ist, machen aufwendigere Konstruktionen noch den Knackpunkt aus. Doch einige der Vorträge zeigten, dass beispielweise im Bereich der Totalprothetik der Fortschritt kaum noch aufzuhalten ist. Der Präsident der SSRD, PD Dr. Ronald Jung, begrüsste die Anwesenden an diesem Samstagmorgen. Er zeigte sich erfreut über den Zuspruch: so waren alle Workshops am Vortag ausgebucht, und auch die Teilnehmerzahl von 350 am Tag der Vorträge war beachtlich. Für Ronald Jung war es darüber hinaus die erste Jahrestagung als Präsident der SSRD. Er nutzte die Gelegenheit, sich für die positive Arbeitsatmosphäre im Vorstand zu bedanken.

«The game is changing! – Where are you?»

Sozusagen als «Headliner» bot die SSRD Prof. Dr. Daniel Wismeijer von der ACTA-Universität in Amsterdam auf. Der Doktorvater von Präsident Jung ist europaweit einer der wichtigsten Ansprechpartner, wenn es um die Forschung und Umsetzung der digitalen Zahnmedizin geht. Somit kann er die Frage aus dem Zwischentitel für sich klar beantworten: Ganz weit vorne! Wismeijer sprach zu Beginn seines Vortrags über Game-Changer in anderen Industrien. Beispiele dafür seien Uber oder Tesla. Diese Firmen hätten ihre Industrie gehörig «aufgemischt» und einen neuen Denkansatz bewirkt. Diese Art von Neuerungen gebe es jedoch in jeder Industrie – auch in der Zahnmedizin. Der Referent sprach von einer kontrollierten Entwicklung im Bereich der CAD/CAM. Zahnärzte und Zahntechniker sollten sich jedoch bewusst sein, auf welchem Stand die Entwicklung ist. Dieses Wissen stelle die Grundvoraussetzung dar. Sonst sei es kaum möglich, sowohl mental als auch technisch, einigermassen auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Wismeijer äusserte die Vermutung, dass vor allem die Zahnärzte seiner Generation über begrenztes Wissen bezüglich des digitalen «workflow» verfügen. Sie wüssten schlicht nicht, was eigentlich mit dem eingesendeten Abdruck passiert. Laut dem Referenten könne CAD/CAM durchaus auch einen sozialen Aspekt haben. Vor allem der zahntechnische Teil sollte deutlich günstiger werden. Werde dieser finanzielle Vorteil an den Patienten weitergegeben, können weniger finanzkräftige Bevölkerungsschichten zukünftig ebenfalls von rekonstruktiver Zahnmedizin profitieren.

Es wurden jedoch auch einige Probleme angesprochen. So sei eines der grössten Probleme monolithischer Keramik nach wie vor die Farbe. Sie könne mit aufwendigen, durch Zahntechniker gestalteten Farbkompositionen noch nicht mithalten. Doch auch hier sei man auf dem richtigen Weg. Auch müsse die Nachhaltigkeit der jetzigen Methode kritisch hinterfragt werden. Die aus einem Block geschliffenen Rekonstruktionen würden so viel keramischen Abfall hinterlassen, dass hier dringend an Lösungen gearbeitet werden sollte. Ein Ansatz könnte der 3-D-Druck darstellen. Übrigens auch in der Implantatproduktion. Zahnärzte müssten darüber hinaus weiterhin ihre Präparationen an die Schleifmaschine anpassen – genauer gesagt an die Schleifinstrumente. Auch hier gebe es Verbesserungspotenzial. Es könne unter Umständen im laserbasierten Schleifprozess liegen. Dieser erlaube deutlich filigranere Arbeiten. Zum Schluss seines Referates informierte Wismeijer die Hörer noch über ein neues Schleifzentrum an der deutsch-niederländischen Grenze. Dieses solle in der Zukunft Kronen für 80 € pro Stück anbieten. Das zeige: Die Industrie ist sich der Konkurrenz durch chair-side-Schleifmaschinen bewusst und hat den Kampf aufgenommen.

Sind VMK-Rekonstruktionen verzichtbar?

Mit dieser Frage beschäftigten sich Dr. Konrad Meyenberg und Nicola Pietrobon, Zahntechniker aus Zürich und spezialisiert auf ästhetische und implantatgetragene Rekonstruktionen. Dabei sollte der ursprüngliche Titel des Referates lauten: «Wann brauchen wir CAD/CAM und wann VMK-Rekonstruktionen?». Die Referenten waren jedoch unglücklich mit der Formulierung, da VMK-Kronen prinzipiell immer gingen. Konrad Meyenberg erklärte zu Beginn, dass 90 Prozent der täglichen Praxisarbeit nach wie vor analog bewältigt würden. Im Prinzip komme es letztlich darauf an, ob die Zahnmedizin der jeweiligen Praxis resultat- oder prozessorientiert ist. Die konventionelle Abformung sei für den Zahnarzt schneller (obwohl diese Aussage sicher nicht von jeden Zahnarzt bestätigt werden würde). Für den Techniker sei der CAD/CAM-Prozess mit Zeitersparnis verbunden. Bezüglich der Passgenauigkeit seien beide Vorgehensweisen vergleichbar.

Nicola Pietrobon erklärte daraufhin, dass besonders bezüglich der ästhetischen Perfektion eine «individuelle Schichtung aus der Tiefe» unabdingbar sei. Es gebe dabei sehr wohl einen Unterschied zwischen einer CAD/CAM-Konstruktion, welche nach dem Schleifprozess noch schnell bemalt werde, und einer professionell geschichteten Keramikverblendung. Generell sei das Handling der Materialien immer noch essentiell, um ein ideales Ergebnis zu erzielen. Auch dürfen weder der Zeitaufwand, noch die finanziellen Investitionen eines digitalen Workflows unterschätzt werden. Ebenfalls bedürfe es für einen digitalen Workflow ohne Modelle speziell ausgebildete Zahntechniker mit entsprechendem 3-D-Vorstellungsvermögen. Pietrobon erklärte, dass der Zahnarzt sicher nicht alle zwei Jahre einen sechsstelligen Betrag für einen neuen digitalen Scanner ausgeben werde. Dies werde er höchstens von seinem Techniker verlangen, weil Industrievertreter ihm eingeredet haben, dass auf diese Weise die besten Ergebnisse erzielt würden. Wichtig sei also auch eine verantwortungsvolle Industrie. Sie müsse sicherstellen, dass der Zahntechniker mit einer getätigten grossen Investition über einen längeren Zeitraum arbeiten könne.

Stärken und Schwächen von monolithischen Zirkoniumdioxid-Verbindungen Zirkoniumdioxid ist ein junges Material. Gerade einmal seit 40 Jahren wird es industriell eingesetzt. In der Zahnmedizin ist seine Geschichte noch kürzer. Trotzdem ist es aus dem praktischen zahnmedizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken. 15000 bis 20000 dentale Zirkoniumdioxid-Konstruktionen werden jedes Jahr erstellt. Dentale Implantate bestehen erst zu wenigen Prozent aus diesem Material, es ist jedoch ein Anteil von zehn Prozent im Jahr 2020 zu erwarten. Geschätzt wird Zirkoniumdioxid vor allem aufgrund seiner grossen Bruchfestigkeit. Warum es diese Eigenschaft besitzt – damit setzte sich Prof. Dr. Jérôme Chevalier von der INSA in Lyon in seinem sehr interessanten Referat auseinander.

Bisherige verblendete Keramikkonstruktionen weisen sehr gute ästhetische Eigenschaften auf. Nachteile sind jedoch im aufwendigen Herstellungsprozess und in der Gefahr des Chippings zu finden. Hier gab es Verbesserungspotential. Ein Lösungsansatz wurde in der Verwendung von monolithischen Zirkoniumdioxid-Verbindungen gefunden. Versprochen hat man sich eine Zeit- und Kostenersparnis sowie eine bessere Bruchresistenz. Damit das Material jedoch in der Medizin eingesetzt werden konnte, bedurfte es eines Eingriffs in der Phasentransformation. Die Phasentransformation beim Herstellungsprozess geschieht sehr schnell und führt zu einer grossen Volumenzunahme (5%). Daher konnte das Material nicht gesintert werden, da die Konstruktion beim Abkühlprozess durch die phasentransformationsbedingte Volumenzunahme regelrecht explodiert. Werde das Zirkoniumdioxid aber mit bestimmten Ionen versetzt (Magnesium oder vor allem Yttrium), könne die tetragonale Phase stabilisiert werden. Dies geschieht durch das Auftreten von Sauerstoff-«Leerstellen» in der tetragonalen Phase. Laut dem Referenten handele es sich dabei jedoch nur um eine «metastabile» Situation, welche in bestimmten Stresssituationen wieder destabilisiert werden könne. Etwa wenn Sauerstoff an der Oberfläche erneut aufgenommen wird und die «Leerstelle» dadurch gefüllt wird.

Die Forschung bemühte sich nun, diesen als «Aging» bezeichneten Vorgang der Destabilisierung zu vermeiden. Gute Ergebnisse konnten durch die Beigabe von Dotierstoffen (Aluminium oder Zerium) erzielt werden, wodurch der Aging-Vorgang verlangsamt wurde. Für eine maximale Festigkeit und Ästhetik sei beim Herstellungsprozess darauf zu achten, die Porosität so gering wie möglich zu halten. Auch sollte die Partikelgrösse des Puders so gering wie möglich gehalten werden. Aufgrund all dieser Modifizierungen haben wir laut Chevalier heute bessere Zirkoniumdioxid-Verbindungen zur Verfügung als noch vor 15 Jahren. Dies liegt auch am deutlich besseren Verständnis des Materials und dessen Verarbeitung. Optimale Rekonstruktion für CAD/CAM-Rekonstruktionen Dr. Tim Joda zeigte in seinem Referat, dass die Bruchfestigkeit von Zirkoniumdioxid-Restaurationen bei einer klassischen Schulterpräparation am höchsten ist (Beuer 2008). Knapp dahinter liegt die Präparation mit Federrand. Etwas weiter abgeschlagen kommen Hohlkehlpräparationen zu liegen. Schulterpräparationen führen ausserdem zu dem geringsten Chipping-Risiko und der höchsten Randpräzision. Bezüglich der Bakterieninfiltration schneiden Schulter- und Federrandpräparationen gleich gut ab. Die Schädigung der Pulpa ist dagegen weniger von der Präparationsart als vielmehr von der verbliebenen Dentinschicht abhängig. Des Weiteren beobachtet Joda einen Paradigmenwechsel hin zu Substanz-schonenderen Rekonstruktionsarten. Dies sei auf bessere Material- und Adhäsivoptionen zurückzuführen. Dabei zeigten Studien gute Ergebnisse für ultradünne CAD/CAM-Rekonstruktionen.

CAD/CAM bei herausnehmbarem Zahnersatz

Prof. Dr. Nadim Baba von der Loma Linda Universität in Kalifornien sprach in seinem Referat über herausnehmbaren Zahnersatz, welcher durch CAD/CAM hergestellt wurde. Er erklärte, dass CAD/CAM auch in diesem Bereich der Zahnmedizin positive Effekte für Zahnarzt und Patient haben könne. Unter anderem werde die Arbeitszeit signifikant herabgesetzt. Dafür benötige der Behandler laut Baba jedoch eine gewisse Erfahrung mit dieser Methode. Weniger überraschend dürfte die höhere Patientenzufriedenheit mit der digitalen Abformung sein. Baba stellte ausserdem eine Studie seiner Universität vor (Kattadiyil et. al, 2015). Danach schneiden mit CAD/CAM hergestellte Prothesen bezüglich Saugkraft und Stabilität besser ab als konventionell hergestellte Prothesen. Ein Grund dafür liege laut dem Professor in der Feinheit der Basisplatte der digital hergestellten Prothese. Weiter sprach an diesem Tag Prof. Dr. Mutlu Özcan über die Wahl und Anwendungsweise von Zementen.