Lucas Schult, beim Digital-Health-Rating der Bertelsmann-Stiftung landet die Schweiz nur auf Platz 14 von 17 untersuchten Ländern. Was läuft bei der Digitalisierung unseres Gesundheitswesens schief?
Ganz so schwarz würde ich nicht malen. Insbesondere sollten wir unser Augenmerk nicht einseitig auf die Geschwindigkeit der Transformation legen. Die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen werden von der Politik gesetzt, und der politische Prozess läuft in der Schweiz bekanntlich langsamer ab. Das erachte ich aber nicht als Nachteil. Die Ergebnisse des politischen Ringens sind dafür breiter abgestützt. Wenn wir das Gesundheitswesen erfolgreich digitalisieren wollen, müssen alle Beteiligten vom Sinn und Nutzen überzeugt sein. Ein zu hohes Tempo und gesetzlicher Zwang können da sogar kontraproduktiv wirken.

Patientendaten enthalten wertvolle Informationen. Pharmafirmen, Tech­no­lo­gie­unter­neh­men, Versicherungen möchten sie für ihre Zwecke nutzen. Wie lassen sich die sensiblen Daten wirksam vor Zugriffen schützen? Wer ist gefordert?
Wir alle! Die IT-Dienstleister, zu denen die Health Info Net AG (HIN) zählt, müssen schon bei der Entwicklung der Systeme darauf achten, dass Unberechtigte keine Daten abgreifen können. Gesundheitsfachpersonen dürfen – das war bereits im analogen Zeitalter so – nur jene Daten weitergeben, die für eine Weiterbehandlung notwendig sind (und auch das nur mit Einwilligung des Patienten). Nicht zu vergessen die Patienten selbst: Mit der Digitalisierung erhalten sie vermehrt Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten. Das ist an sich ein grosser Fortschritt. Gleichzeitig müssen sie damit auch die Verantwortung für diese Daten übernehmen. Wir alle müssen uns dafür interessieren, welche Gesundheitsdaten von uns wo anfallen – und lernen zu entscheiden, mit wem wir welche davon teilen.

Die HIN fördert den sicheren Datenaustausch zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen. Worin bestehen ihre Dienstleistungen?
Unsere bekannteste Dienstleistung ist «HIN Mail», die neben den Haus- und vielen Zahnärzten auch die Mehrzahl der Spitäler zum Versand von verschlüsselten E-Mails nutzen. Auch Heime, Versicherungen, die öffentliche Hand sowie freischaffende Therapeuten zählen zu unseren Kunden. Der HIN-Anschluss bietet aber weit mehr als blosse E-Mailverschlüsselung. Gesundheitsfachpersonen nutzen ihn als elektronische Identität für den Zugriff auf – inzwischen über siebzig – Anwendungen und künftig auf das elektronische Patientendossier (EPD). Da wir bei HIN das Thema IT-Sicherheit aus einer ganzheitlichen Optik betrachten, bieten wir unseren Kunden auch Dienstleistungen für den Schutz von Endgeräten und für die Ausbildung ihrer Mitarbeitenden an.

Und wie profitieren Patienten davon?
Sie profitieren davon, dass ihre Daten entlang der gesamten Behandlungskette geschützt bleiben. Durch die Authentisierung wird sichergestellt, dass nur berechtigte Fachpersonen Zugriff erhalten. Ihr Arzt oder Therapeut kann sogar mit Ihnen als Patient via HIN kommunizieren, ohne dass Sie selbst HIN-Kunde sein müssen. So erhalten Sie beispielsweise Röntgenbilder oder Berichte einfach und sicher auf elektronischem Weg.

Ärzte mit eigenen Praxen sind gegenüber dem elektronischen Patientendossier nach wie vor skeptisch eingestellt. Teilen Sie diese Bedenken?
Auch hier würde ich differenzieren. Viele Praxisärzte stehen dem EPD aufgeschlossen gegenüber. Aber sie erwarten zu Recht, dass es sie nicht zusätzlich belastet, sondern ihnen die Arbeit erleichtert. Um eine Breitenwirkung entfalten zu können, brauchen wir deshalb Anwendungen, die den Praxisärzten substanzielle Vorteile bringen – also Qualitäts- oder Effizienzgewinne. Diese sind aktuell noch kaum vorhanden. Darum haben wir mit Partnern einen Verein gegründet, der Leistungserbringer und IT-Dienstleister zusammenbringt, um gemeinsam solche Anwendungen zu entwickeln. Das EPD wird sich bei den ambulanten Leistungserbringern nur durchsetzen, wenn es sich auch für sie als nützlich erweist.