Der Bauch tut weh, schon seit zwei Tagen, und langsam fragt man sich, ob es etwas Ernstes ist. Aber zum Arzt gehen, stundenlang im überfüllten Wartezimmer sitzen und sich womöglich bei Grippekranken anstecken? Besser zur Konsultation bei «Dr. Internet»: Schnell einen «Symptomchecker» aufgerufen, die Beschwerden eingetippt, und kurze Zeit später weiss man, was man hat. Doch die Realität sieht anders aus: Die Checkerportale im Internet geben nur in 34 Prozent der Fälle die richtige Diagnose an, wie Forscher aus Boston kürzlich herausgefunden haben (British Medical Journal, Band 351, S. h3480).
Die Wissenschafter haben bei 23 Onlineportalen aus den USA und Europa getestet, ob diese korrekte Diagnosen stellen und die richtigen Ratschläge geben. Hierzu liessen sie 770 fiktive Patienten Fragen zu 45 verschiedenen Beschwerden stellen. Nur bei 262 der 770 Fälle diagnostizierte der Internetdoktor korrekt. Bei Symptomen, bei denen man sofort einen Arzt aufsuchen muss, sogar nur in 24 Prozent der Fälle. Die Symptomchecker gaben mindestens drei verschiedene Diagnosen pro angefragtem Problem an, manche sogar bis zu 99. Portale, die Handlungsanweisungen geben, empfahlen nur bei jedem zweiten Fall das Richtige; bei Notfällen lagen sie immerhin zu 80 Prozent richtig.
«Die Symptomchecker sind kein gutes Diagnose-Instrument», sagt Thomas Rosemann, Direktor des Instituts für Hausarztmedizin am Unispital Zürich. «Computern wurde beigebracht, wie ein Arzt zu ‹denken›. Das klappt aber nicht gut, denn eine medizinische Diagnose ist viel zu komplex, als dass man sie mit einem Computeralgorithmus abbilden könnte.»

Der Computer denkt nicht mit

So kann ein Mediziner schon nach ein oder zwei Fragen den verzweigten Algorithmus in eine ganz andere Richtung lenken, worauf der Computer erst nach langem Nachfragen oder gar nicht gekommen wäre. So können hinter dem Symptom Bauchschmerzen Dutzende von Ursachen stecken, etwa Entzündungen von Gallenblase, Darm oder Blase, ein Magen-Darm-Infekt, Krebs oder eine banale Verstopfung. «Nach der Frage, wo die Schmerzen sind und wann sie begonnen haben, kann ich mit einer Blutabnahme innert Minuten sehen, ob es eine Entzündung ist oder nicht», erzählt Rosemann. «So kann ich sofort zig Diagnosen ausschliessen.» Hört er mit dem Stethoskop viele glucksende Darmgeräusche, spricht das eher für einen Magen-Darm-Infekt, hört er gar nichts, könnte das auf einen Darmverschluss weisen. «Wenn ich dann noch eine Narbe auf dem Bauch sehe, ist die Diagnose schon so gut wie klar, denn dann könnten Narbenstränge den Darm stranguliert haben. Dem Computer fällt die Frage vielleicht erst viel später ein.» Doch bei so einem Darmverschluss zählt jede Minute: Wird der Patient nicht rechtzeitig operiert, kann sein Darm absterben.
Oft gehe es aber nicht darum, eine Diagnose zu stellen, sondern Krankheiten auszuschliessen, sagt Rosemann. «Sehe ich bei einem ansonsten gesunden jungen Menschen mit Bauchschmerzen keine Entzündungszeichen im Blut und nichts Auffälliges im Ultraschall, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es nur eine leichte Magenverstimmung ist.» Dann komme es aber sehr auf seinen Eindruck vom Patienten an, seine Mimik und Gestik. «Wenn ich mir unsicher bin, würde ich ihn am nächsten Tag noch einmal einbestellen – das tut der Internetkollege nicht.»
Urs-Vito Albrecht, Arzt und Informatiker an der Medizinischen Hochschule Hannover, kritisiert, dass die Entwickler ihren Algorithmus nicht preisgeben. «Vermutlich hinterlegen die Portale in einer Datenbank Hunderte Schlüsselworte. Je mehr passende Begriffe und deren Kombination bei den Antworten zusammenkommen, umso wahrscheinlicher ist eine bestimmte im System hinterlegte Krankheit.» Das Hauptproblem sieht Albrecht darin, dass ein verlässlicher Checker Dinge erfragen müsste, die der Patient gar nicht mit der Erkrankung in Verbindung bringt. «Manchmal führen erst vermeintliche Nebensächlichkeiten zur Diagnose – etwa dass die Tante schubweise Bauchweh hatte. Das kann auf eine chronisch entzu?ndliche Darmkrankheit weisen, die zum Teil vererbt ist.»

Wenig zu tun mit ärztlichem Denken

Jens Richter, Chefredaktor des Medizinportals www.netdoktor.de – eines der grössten im deutschsprachigen Raum –, will dieses Problem erkannt haben: «Anders als alle derzeit auf dem Markt befindlichen Symptomchecker führen wir den User durch einen linearen Dialog, ähnlich wie ein Arzt-Patienten-Gespräch.» Beim Ausprobieren wundern sich Mediziner aber schon – mit ärztlichem Denken hat das wenig zu tun. So denkt der Checker zum Beispiel beim Symptom Bauchschmerzen relativ rasch an eine Hundebandwurm-Infektion, obwohl das ziemlich selten ist. «Dieses unbewusste Hintergrundwissen ist einem Symptomchecker schwierig beizubringen», sagt Albrecht. Doch die Nutzer scheinen begeistert zu sein: Netdoktor registriert pro Monat knapp 60’000 Aufrufe, das sind mehr als zwölfmal so viel wie im Juli 2014, als der Checker online ging. Symptomchecker könnten Ärzten aber auch Arbeit abnehmen, sagt Thomas Rosemann. «Bei akuten Rückenschmerzen etwa kann der Checker rasch mit den richtigen Fragen etwas Schlimmes ausschliessen, und der Betroffene spart sich einen Arztbesuch.» Die Beschwerden bessern sich in den meisten Fällen ohne besondere Therapie von selbst, man braucht nicht zum Arzt zu gehen und vor allem kein Röntgen. Doch Rosemann fürchtet, dass ihm die Symptomchecker mehr Arbeit machen. «Vermutlich werden durch die Checker in Zukunft noch mehr Leute kommen, die meinen an einer schlimmen Krankheit zu leiden – dabei haben sie nur eine Verstopfung oder einen eingeklemmten Furz.»