Jean-Pierre Carrel, warum unterstützt die CUMD der Universität Genf das Projekt des SRK Genf?

Carrel: Es gibt drei Kategorien von Patienten in einer Zahnarztpraxis. Jene, die ihre Rechnungen selber bezahlen, das ist die grösste Gruppe. Dann gibt es Patienten, die Sozialhilfe beziehen und deren zahnmedizinische Grundversorgung übernommen wird. Bleiben die Patienten der unteren Mittelschicht, die Working Poor. Sie haben ein Einkommen, können sich den Zahnarztbesuch aber finanziell nicht leisten und verzichten deshalb häufig auf zahnmedizinische Behandlungen. Als medizinischer Leiter der Abteilung Soziales an der universitären Zahnklinik in Genf sehe ich oft Patienten aus dieser Gruppe. Wir dürfen sie aber nicht behandeln, weil sie keine Sozialhilfe beziehen. Das ist ärgerlich, sowohl für uns als auch für die Betroffenen. Diese Situation hat mich letztlich dazu veranlasst, das Projekt des SRK Genf zu unterstützen.

Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?

Magdalena: Wir eröffnen die Praxis voraussichtlich im Herbst. Die Rekrutierung eines verantwortlichen Zahnarzts, der die Qualität der Behandlung garantiert, sowie von zwei Dentalassistentinnen und einer Dentalhygienikerin sind im Gang. Dieses Team soll durch ehrenamtlich arbeitende Zahnärzte ergänzt werden. Der soziale Bereich wird abgedeckt durch die Sozialberatung des SRK Genf.

Wer kann sich in dieser Praxis behandeln lassen?

Magdalena: Aufgenommen werden Patienten mit einem zahnmedizinischen Problem, die im Kanton Genf wohnen und die gewisse ökonomische Kriterien erfüllen. Die Einkommensgrenze wird sich voraussichtlich an den Zahlen orientieren, die in der Schweiz und im Kanton Genf als Niedriglohngrenze zählen – zwischen 3000 und 5000 Franken, je nachdem, ob es eine Einzelperson oder eine Familie ist. Um das Angebot in der Zielgruppe bekannt zu machen, arbeiten wir mit der Caritas und dem Centre Social Protestant zusammen. Diese Organisationen haben bereits heute viele Anfragen von Working Poor, die den Zahnarztbesuch nicht aus eigenen Mitteln bezahlen können.

Welche Behandlungen werden angeboten?

Carrel: Nur notwendige Behandlungen. Die Ästhetik wird nicht die erste Priorität sein, sondern wir wollen vor allem Schmerzen, Infektionen und Karies beseitigen. Ebenfalls sehr wichtig ist die Dentalhygiene. Das ist eine einfache, kostengünstige und nu?tzliche Hilfe für diese Bevölkerungsgruppe. Deshalb haben wir eine Dentalhygienikerin im Team. Bleibt das Problem des Zahnersatzes, der sehr teuer ist. Wir werden von Fall zu Fall beurteilen, welche Behandlung am besten geeignet ist. Wenn es uns in einem ersten Schritt gelingt, die allgemeine Mundgesundheit der Patienten zu verbessern, ist das schon ein Erfolg.

Wer finanziert das Projekt?

Magdalena: Der Ausbau und die Einrichtung der Praxis wurden durch bestehende private Fonds finanziert. Für den Betrieb besteht eine Startfinanzierung während der ersten Jahre. Der Kanton begrüsst die Eröffnung der Praxis, ist aber zurzeit finanziell nicht beteiligt. Die Universität Genf plant eine Studie zu diesem Projekt. Dadurch werden wir die Bedürfnisse der Working Poor besser verstehen und erhalten auch Informationen über künftige Finanzierungsmöglichkeiten.

Müssen die Patienten einen Selbstbehalt zahlen?

Carrel: Ja, die meisten sollen einen kleinen Beitrag leisten – beispielsweise 40 Franken pro Sitzung, unabhängig von der Art der Behandlung. Auch hier werden wir falls nötig die Situation jedes Patienten einzeln beurteilen. Wir sind fest entschlossen, diesen Menschen ihre Zahnbehandlung zukommen zu lassen.

Besteht die Möglichkeit, dass andere Kantone das Konzept übernehmen können?

Magdalena: Das Schweizerische Rote Kreuz ist über das Projekt informiert, ebenso andere kantonale Organisationen. Es ist gut möglich, dass unser Pilotprojekt auch in andere Kantone «exportiert» wird. Vor allem grosse Stadtkantone wie Zürich, Basel oder Waadt könnten von unseren Erfahrungen profitieren.

Nun suchen Sie also noch freiwillige Zahnärzte, die in ihrer Freizeit in der Praxis Patienten behandeln.

Carrel: Ja, wir möchten eine Gruppe von Freiwilligen finden. Diese sollen nicht unbedingt viele Stunden in der Praxis arbeiten, aber regelmässig. So können wir eine einheitliche Vision der Versorgung realisieren.

Magdalena: Der verantwortliche Zahnarzt ist in einem kleinen Pensum fest angestellt. Er trägt die medizinische Verantwortung, leitet das Team und stellt sicher, dass trotz vielen behandelnden Zahnärzten nach einheitlichen Grundsätzen gearbeitet wird.

Werden auch Studierende behandeln?

Carrel: Wir haben darüber nachgedacht, aber das wäre mit viel Aufwand verbunden. Denn in der zahnärztlichen Ausbildung an Schweizer Universitäten wird jeder Behandlungsschritt der Studenten und Studentinnen kontrolliert. Das würde letztlich mehr Personal erfordern, als uns zur Verfügung steht.