Auf dem Weg vom Furkapass hinunter nach Andermatt macht ein Radfahrer Pause. Er schaut sich um und stutzt, als er den Schriftzug auf einem parkierten VW-Bus bemerkt. «Ihr Zahnarzt auf Achse» ist dort zu lesen. «So etwas habe ich noch nie gehört», staunt der Radfahrer. «Das gibt es auch nur selten», antwortet Michael Keller, der Besitzer des Busses. Der 34-jährige «Zahnarzt auf Achse» verbrachte einen Grossteil seines bisherigen Lebens in der Stadt: Er wuchs in Luzern auf, studierte in Basel und Bern und hatte Assistenzstellen in Schwyz, Zürich und Baar. Dann aber entschied er, in die Berge zu ziehen, ins 200-Seelen-Dorf Hospental. «Meine Familie stammt ursprünglich aus Hospental», erklärt Michael Keller. «Ich verbrachte als Kind viele Sommerferien hier oben. Und während des Studiums kam ich zum Lernen hierher. Mir gefällt, dass es nicht so anonym zu und her geht wie in der Stadt.»


Versorgungslücke schliessen

Es schien alles zu passen. In Andermatt wurde ein Gesundheitszentrum geplant, wo Keller eine Zahnarztpraxis einrichten wollte. Doch dann verzögerte sich der Bau. «Ich sah mich vor die Wahl gestellt, zwei Jahre irgendwo zu arbeiten und Geld zu verdienen, oder zwei Jahre hier oben zu leben und Kontakte zu knüpfen.» Keller entschied sich für Letzteres. Er erkannte, dass für ein dünn besiedeltes Gebiet wie das Urserental eine fliegende Zahnarztpraxis ideal ist. Und dass er damit eine Versorgungslücke schliessen kann: ältere und körperlich nicht mehr mobile Patienten sowie Senioren, die im Alters- oder Pflegeheim leben. Auf diese Gruppe hat er sein Konzept schwer ? punktmässig ausgerichtet. Mit Unterstützung von Verwandten und Freunden richtete Keller einen Occasion-VW-Bus als Zahnarztpraxis ein. Damit besucht er seine Patienten zu Hause oder im Altersheim, ausnahmsweise behandelt er auch direkt im Bus.


Kaffee und Kuchen für den Zahnarzt

Der «Zahnarzt auf Achse» bietet alle klassischen Mittel der Zahnmedizin an. Bei den älteren Patienten stehen natürlich Prothetik und Parodontologie im Vordergrund. Und bei Bewohnern im Alters heim will ich den Zustand stabilisieren.» Wenn Michael Keller von seinem Arbeitsalltag erzählt, fallen einige Besonderheiten auf. «Normalerweise behandle ich nur zwei Patienten pro Tag. Mir kommt dieser langsame Rhythmus entgegen. Ich will mich auf die Menschen einlassen können.» Wenn der Zahnarzt die Senioren zu Hause besucht, ist er meistens sehr willkommen. Nicht selten wird er zu Kaffee und Kuchen eingeladen, bevor die Behandlung beginnt. Der Patient sitzt im Rollstuhl oder im Schaukelstuhl, während der Zahnstein entfernt wird. Oder er legt sich einfach auf die Couch. «Wichtig ist, dass mein Material steril ist. Das kann ich garantieren.» Die Hygienekontrolle hat dies kürzlich bestätigt. Aber natürlich nimmt Keller in einer Privatwohnung keine chirurgischen Eingriffe vor. Auch komplexe rekonstruktive Behandlungen verweist er an einen Spezialisten.


Nach Mass ausgestattet

Im Bus, der mobilen Zahnarztpraxis von Michael Keller, ist die integrierte Sterilisationskabine einer der Höhepunkte. Der Bus enthält auch sonst alles, was eine Praxis bieten muss. Es gibt einen Hygieneraum und einen Medikamentenschrank, ein Rollkoffer birgt die mobile Behandlungseinheit, ein zweiter einen tragbaren Röntgenapparat. Ganz hinten im Fahrzeug ist der Behandlungsraum. Hier sticht als Erstes der Zahnarztstuhl ins Auge: ein 150 Kilogramm schweres Möbel aus schwarzem Leder. «Er stammt aus dem Jahr 1907», erklärt Michael Keller. «Ich habe das gute Stück von einem befreundeten Zahnarzt erhalten. Er passt genau hierher. Ich habe k einen modernen Stuhl gefunden, der mobil und gleichzeitig so stabil ist.» Der Bus diente zuvor als Medikamententransporter und war komplett leer. Von einem Bäcker erfuhr Keller, wie er den Innenraum beschichten muss, von einem Wohnmobilausstatter liess er die Ausstattung nach Mass einbauen. Es ist erstaunlich, was alles Platz findet. Keller braucht nur einen Stromanschluss, damit er im Bus behandeln kann. Die Patienten haben keine Berührungsängste. «Im Gegenteil: Nach der Behandlung steigt der Patient aus dem Bus und kann kaum glauben, dass er soeben beim Zahnarzt war. Der Blick auf den Oberalppass oder einen anderen schönen Ort erleichtert vieles.» Trotzdem arbeitet Keller lieber in der Wohnung des Patienten. Das ist für den Patienten komfortabler, und der Zahnarzt hat mehr Platz zur Verfügung.


Viele Türen geöffnet

Mit seinem Bus betrat Michael Keller Neuland und ging privat ein finanzielles Risiko ein. Er gibt zu: «Es ist mehr Dienst als Verdienst. Aber der Einsatz hat sich gelohnt. Das Projekt trägt sich selber und hat mir viele Türen geöffnet. Das wird mir nützen, wenn ich meine Praxis in Andermatt eröffne.» Michael Keller will aber weiterhin einen Teil seiner Arbeit auf Achse leisten. Er schaut seinen Bus an und sagt: «Den gebe ich nicht mehr auf.» Auch die Alterszahnmedizin im Urserental will er weiter fördern. Bisher wurde die Mundhygiene in Alters- und Pflegeheimen und von Spitex-Pflegern eher stiefmütterlich behandelt. Doch bei seiner Arbeit in den Heimen hat Keller gesehen, dass das Pflegepersonal offen und neugierig ist. Für sie möchte er künftig Weiterbildungsanlässe organisieren. Die Pfleger sollen Risiken erkennen und richtig reagieren können. Michael Keller würde jungen Berufskollegen jederzeit empfehlen, auf Achse zu gehen. «Mein Einzugsgebiet umfasst dank dem Bus nicht nur einige hundert, sondern rund 10 000 Patienten. Und ich kann mir eine Existenz aufbauen, ohne mich bei einer Bank auf Jahre hinaus zu verschulden.» Er ist überzeugt, dass es sich in vielen Gebieten, sogar in Agglomerationen oder Städten, lohnen würde, mobile Zahnarztpraxen einzusetzen. «Wenn sich jemand für mein Geschäftsmodell interessiert, stehe ich gerne mit Ratschlägen zur Verfügung. Ich kann kein Geld geben, stelle aber auch keine Rechnungen.»