Zahnmedizin aktuell

«Die Führungsrolle gehört einfach dazu»

Flavia Birchler ist die Präsidentin der SSO Urschweiz. Im Interview erzählt sie, warum sie die standespolitische Arbeit spannend findet und was es braucht, um als selbstständige Zahnärztin eine Praxis zu führen.

Flavia Birchler, die SSO Urschweiz ist mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert als die SSO-Sektionen in urbanen Kantonen. Welche Themen stehen zurzeit im Vordergrund?

Unsere Sektion veranstaltet jedes Jahr vier Fortbildungsanlässe. In letzter Zeit nahmen weniger Mitglieder daran teil. Das finde ich schade. Ich halte den Austausch für wichtig, er ist das, was die SSO ausmacht. Aufgrund der Pandemie mussten auch einige Anlässe abgesagt werden. So entging uns die Möglichkeit, neu zugezogene Zahnärztinnen und Zahnärzte direkt anzusprechen und allenfalls für eine Mitgliedschaft zu motivieren.

Wie gross ist denn der Organisationsgrad in der Urschweiz?

Er ist vergleichsweise hoch – im Kanton Uri sicher am höchsten, gefolgt von Ob- und Nidwalden sowie Schwyz. Es gibt in unserem Gebiet mehr Einzelpraxen und weniger Zentren oder Ketten als in anderen Kantonen. Praxisinhaberinnen und -inhaber bleiben langfristig in der Urschweiz und sind deshalb daran interessiert, sich dem Verband anzuschliessen.

Wie war es bei Ihnen? Warum sind Sie der SSO beigetreten?

Bei meinen drei Assistenzstellen waren  die Chefs jeweils SSO-Mitglied. Sie haben mich zum Beitritt ermutigt. Später bin ich in den Vorstand der Sektion Urschweiz «reingerutscht». Mein Vater war ebenfalls Zahnarzt und Präsident der Sektion Urschweiz. Somit war mir die Standespolitik nicht fremd.

Was bringt Ihnen die standespolitische Arbeit persönlich?

Ich finde sie spannend. Durch die Vorstandsarbeit komme ich in Kontakt mit anderen Sektionsmitgliedern und mit SSO-Kadern. Dieser Blick über den eigenen Tellerrand ist interessant. In manche Aufgaben musste ich reinwachsen: Wie organisiere ich eine Sitzung? Welche Aufgaben muss die Präsidentin übernehmen? Zum Glück werde ich von unserem Sekretariat und den anderen Vorstandsmitgliedern unterstützt. Aber man muss schon eine Führungsrolle übernehmen.

Haben Sie diese Rolle gerne übernommen?

Sie gehört einfach dazu. Als Praxisinhaberin führe ich meine Mitarbeiterinnen, dort habe ich schon gelernt, was das bedeutet. Im Studium kommen diese Themen nicht vor – sie sind auch schwierig zu vermitteln. Den Umgang mit verschiedenen Persönlichkeiten beispielsweise kann man nicht in der Schule lernen.

Warum gibt es weniger Frauen als Männer in den Sektionsvorständen? Liegt es daran, dass Frauen diese Führungsaufgabe scheuen?

Vielleicht hinterfragen sich Frauen mehr als Männer. Das ist jedenfalls meine persönliche Vermutung. Obwohl ich denke: Die könnten das schon. Oft ist auch die Familie ein Grund, sich nicht in der Standespolitik zu engagieren, weil man einfach zu wenig Zeit hat.

Braucht es mehr junge Zahnärztinnen und Zahnärzte in den Vorständen?

In den ersten fünf Jahren nach dem Studium steht halt anderes im Vordergrund. Man muss erstmal beruflich ankommen und sich klar werden, was man will. Hinzu kommen evtl. eine Fachausbildung und die Praxisgründung.

Mit dem neuen Markenauftritt hat sich die SSO zum Ziel gesetzt, näher bei den Mitgliedern zu sein und vermehrt junge Zahnärztinnen und Zahnärzte anzusprechen. Erfüllt sie diesen Anspruch?

Der Auftritt wurde von Grund auf neu entwickelt und professionell umgesetzt. Auch habe ich den Eindruck, dass die Veränderung nicht nur äusserlich ist, sondern dass der Zentralvorstand wirklich versucht, die SSO für die Jungen attraktiver zu machen. Das ist ein wichtiges Anliegen. Aber man darf die anderen Mitglieder nicht vergessen. Deshalb finde ich die zielgruppengerechte Ansprache nach den verschiedenen Karrierephasen sehr gelungen. Die Markenerneuerung ist ein Prozess, der sicher noch nicht abgeschlossen ist.

Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie bei der SSO?

Der Organisationsgrad sollte nicht weiter sinken. Nur so kann der Verband politisch relevant bleiben. Das ist wichtig angesichts all der Veränderungen in der Gesundheitspolitik, die gerade in Arbeit sind. Als Praxisinhaberinnen und -inhaber brauchen wir die Interessenvertretung der SSO, um in Ruhe arbeiten zu können. Eine weitere Herausforderung ist der Strukturwandel von Einzelpraxen hin zu Praxisketten und -zentren. Vielleicht ist diese Entwicklung verbunden mit einer reduzierten Eigenverantwortung: Der einzelne Zahnarzt ist ja bereits in eine Struktur eingebunden und sieht deshalb nicht, wozu es die SSO braucht. Den Zahnärztinnen und Zahnärzten in der Schweiz geht es im Allgemeinen gut. Manchen fehlt das Bewusstsein dafür, dass man etwas tun muss, damit das so bleibt.

Wollten Sie schon immer eine eigene Praxis führen?

Nein, das hat sich so ergeben. Während der Assistenzzeit traf ich an den SGK-Kongressen jeweils auf meinen Vorgänger. Er wollte seine Praxis übergeben und fragte mich mehrmals, ob ich interessiert sei. Irgendwann dachte ich dann: Das klingt eigentlich nicht schlecht. Der Vorteil bei der Übernahme einer bestehenden Praxis ist, dass man den Patientenstamm übernehmen und mit den bestehenden Überweisern zusammenarbeiten kann.

Welche Persönlichkeitsmerkmale braucht man als selbstständige Zahnärztin?

Es gibt einerseits den wirtschaftlichen Aspekt – man muss sich im Markt behaupten –, andererseits die soziale Seite als Arbeitgeberin sowie im Umgang mit Patienten und mit Kolleginnen und Kollegen. Ich brauchte zum Beispiel Zeit, um die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen, die ich teilweise von meinem Vorgänger übernommen habe, zu organisieren. Schwierig waren auch die rechtlichen Aspekte. Dabei waren die Hilfsmittel und Vorlagen der SSO sehr nützlich.

Was raten Sie einem jungen Berufskollegen oder einer jungen Berufskollegin: Lohnt sich die Selbstständigkeit?

Ja, es lohnt sich. Aber man muss sich bewusst sein: Eine eigene Praxis ist mit viel Aufwand verbunden. Ob man eine neue Praxis eröffnet oder eine bestehende Praxis übernimmt, ist wohl eher eine Frage der Gelegenheit. Ich rate davon ab, sich zu Beginn allzu stark zu verschulden. Man sollte dem Vorgänger einen fairen Preis zahlen, der junge Zahnarzt muss aber auch eine Chance haben, das eigene Geschäft aufzubauen. Obwohl man den Patientenstamm übernehmen kann, muss man sich den Erfolg erarbeiten. Mir war es zudem wichtig, nicht in einem Gebiet zu arbeiten, wo die Zahnarztdichte sehr hoch ist. Wer mitten in Zürich oder in Luzern eine Praxis eröffnet, muss damit rechnen, dass der Aufbau eines Patientenstamms länger dauern wird.

 

Zur Person

Flavia Birchler (Jg. 1983) ist seit sechs Jahren im Vorstand der SSO Urschweiz und seit Januar 2020 Präsidentin dieser Sektion. Sie ist im Kanton Schwyz aufgewachsen, studierte Zahnmedizin an den Universitäten Freiburg und Zürich und absolvierte die Spezialisierung zur Kieferorthopädin an der Universität Genf. Seit 2015 führt sie eine Praxis für Kieferorthopädie in Schwyz.

Zurück zur Übersicht

Wir verwenden Cookies und Analysetools, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Indem Sie auf der Seite weitersurfen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies und Analysetools zu. Weitere Infos finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ich stimme zu

Nous utilisons des cookies et des outils d’analyse dans le but de vous offrir le meilleur service possible. En poursuivant votre navigation sur notre site, vous acceptez nos cookies et nos outils d’analyse. De plus amples informations sont disponibles dans nos règles de confidentialité.

J’accepte