Mehr als 100'000 Menschen in der Schweiz haben eine Demenz, 2060 sollen es dreimal so viele sein. «Viele Demenzformen kann man leider nicht verhindern», sagt Hans Jung, leitender Arzt für Neurologie am Unispital Zürich. «Aber mit einem gesunden Lebensstil kann man sein Risiko senken.»

Je älter man wird, desto grösser das Risiko: Während von den 65- bis 69-Jährigen jeder Fünfzigste erkrankt ist, ist es bei den 80- bis 84-Jährigen jeder Achte. Eine Handvoll von Genmutationen wird bei Demenzkranken häufiger gefunden. «Aber auch wenn man die Mutation hat, heisst das noch lange nicht, dass die Demenz ausbricht», sagt Jung. «Einen Gentest empfehle ich, wenn Familienmitglieder früh an Demenz erkrankt sind.»

Ein Drittel der Demenzfälle lässt sich auf Faktoren zurückführen, die jeder selbst ändern kann. Dies fanden im vergangenen Jahr Forscher aus Grossbritannien und den USA heraus.1 Sieben Risikofaktoren identifizierten die Wissenschafter, die das Risiko um bis zum 1,8-Fachen erhöhten: zu wenig körperliche Bewegung, Bluthochdruck, Übergewicht, Depressionen, Rauchen, Diabetes und zu wenig Zugang zu Bildung. Würden weltweit 20 Prozent weniger Menschen diese Risikofaktoren aufweisen, würden bis 2050 15 Prozent weniger an einer Demenz erkranken – das wären 16,2 Millionen. Den grössten Einfluss hatte in den Studien körperliche Bewegung. «Sport wirkt wie eine Verjüngungskur auf Nervenzellen und Blutgefässe», erklärt Jung. «Die Nerven altern nicht so schnell, und die Blutgefässe bleiben länger glatt und elastisch, sodass das Hirn gut durchblutet werden kann.»

Wie viel man sich bewegen muss, ist in den Studien nicht definiert. In manchen ist von 30 Minuten Gehen oder Treppensteigen pro Tag die Rede, in anderen von dreimal pro Woche intensiv Sport treiben. «Wir haben hierzu noch zu wenig Daten. Wichtig ist, dass man sich überhaupt bewegt», sagt Jung. Gleichzeitig sei natürlich wichtig, die anderen Risikofaktoren zu reduzieren. «Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen und Übergewicht führen zu Arteriosklerose, auch im Hirn», sagt Jung. «Das stört die Durchblutung, und die Nervenzellen degenerieren früher.» Warum Depressionen und mangelnde Bildung das Risiko erhöhen, ist noch nicht geklärt. «Menschen, die eine Veranlagung zur Demenz haben, könnten auch eine Veranlagung zu Depressionen haben», vermutet Jung. Es könne aber auch sein, dass die Demenz eine Depression auslöse, denn beide Krankheiten träten oft gleichzeitig auf. Menschen mit einem geringen Bildungsgrad, erzählt Jung, seien öfter übergewichtig und rauchten, hätten häufiger einen unbehandelten Diabetes oder Bluthochdruck und legten weniger Wert auf gesunde Ernährung oder Sport. «Mangelnde Bildung ist ein Faktor, der alle anderen verstärkt.»

Dass eine Änderung des Lebensstils das Demenzrisiko senken kann, zeigten kürzlich Forscher aus Skandinavien.2 1260 Menschen zwischen 60 und 77 mit erhöhtem Risiko für eine Demenz sollten für zwei Jahre entweder einem Programm mit Diät, körperlicher Bewegung, Kontrolle kardiovaskulärer Risikofaktoren und kognitivem Training folgen oder wie bisher leben. Die Leute mit der Lebensstiländerung schnitten danach in neuropsychologischen Tests besser ab – ihre kognitive Leistung hatte sich gebessert. «Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern», sagt Jung. «Ausserdem senkt man damit nicht nur das Risiko für eine Demenz, sondern auch für Herzinfarkt und Schlaganfall.»

1 Lancet Neurol 2014; 13: 788–794
2 Lancet 2015; 385: 2255–2263