Hunderttausende von Franken geben Menschen in Europa pro Jahr für rezeptfreie Erkältungsmittel aus. Allein im ersten Quartal 2015 machten die Hersteller damit 644,6 Millionen Euro Gewinn. Thomas Rosemann, Direktor des Instituts für Hausarztmedizin am Unispital Zürich, dämpft übertriebene Erwartungen. «Alle Präparate beeinflussen die Krankheitsdauer nicht oder nur unwesentlich. Rezeptfrei heisst nicht, dass die Mittel ungefährlich sind. Manche können mehr schaden als nützen.»

Meist bessern sich die Beschwerden innerhalb von drei bis sieben Tagen von selbst, und nach zwei Wochen sollte man wieder fit sein. «Fühlt man sich auch nach Tagen noch schwer krank, hat hohes Fieber oder bekommt starke Ohren- oder Halsschmerzen, geht man besser zum Arzt», rät Rosemann. «Dann könnten sich nämlich zusätzlich Bakterien angesiedelt haben, und die müssen mit Antibiotika behandelt werden.» Bei einer normalen Erkältung braucht man die aber nicht. Leider sind die meisten Studien zu Erkältungsmitteln klein und schlecht aufgebaut.

Nichtsteroidale Antiphlogistika wie ASS oder Ibuprofen linderten Kopf- und Gliederschmerzen sowie das allgemeine Krankheitsgefühl. Gegen Husten oder Schnupfen halfen sie aber nicht. Schnupfen oder eine verstopfte Nase linderten besser Nasentropfen mit Ephedrin, Pseudoephedrin oder Xylometazolin. Für Vitamin C gab es in den Studien keinen überzeugenden Beleg, dass es die Beschwerden lindert, und die Krankheitsdauer verkürzt es nur um etwa einen Tag. Rund einen Tag rascher verschwanden die Symptome auch mit täglichen Zink-Lutschbonbons, aber das erkauften sich die Studienteilnehmer mit Übelkeit oder einem schlechten Geschmack im Mund; abgesehen davon linderten die Bonbons die Erkältungssymptome nicht.

Mit Kombi-Präparaten aus Schmerzmitteln, Antihistaminika oder abschwellenden Substanzen wie «Antigrippe», «Alcacyl Grippe», «Vicks Medinait» oder «Aspirin Complex» ging es den Probanden im Schnitt zwar besser als mit Placebo, dafür litten aber viele unter Nebenwirkungen wie Schwindel, Magen-Darm-Problemen oder Schlaflosigkeit. «Von solchen Kombis würde ich die Finger lassen», sagt Rosemann. «Wie effektiv die einzelnen Substanzen darin sind, ist nicht klar. Ausserdem steigt das Risiko für Unverträglichkeiten mit Anzahl der eingesetzten Wirkstoffe.» Viel besser sei, die lästigen Symptome durch die Einzelsubstanzen gezielt zu behandeln. Doch auch das ist nicht harmlos. Antiphlogistika können Magen-Darm-Probleme verursachen, und abschwellende Nasentropfen können – über einen längeren Zeitraum angewandt – die Nasenschleimhaut zerstören und verlieren ihre Wirksamkeit. Das beliebte Echinacea wirkte in den Studien ebenfalls kaum oder gar nicht, dafür kam es zu Überempfindlichkeitsreaktionen und sogar zu Veränderungen der Blutzellen. Für das oft verkaufte Bronchostop wurde eine Wirksamkeit ebenso wenig belegt wie für die zahlreichen Lutschtabletten oder Tantum verde.

«Besser als sich mit Medikamenten vollzupumpen ist, zu Hause zu bleiben und sich zu erholen», sagt Rosemann. «Volkswirtschaftlich wäre das billiger, als sich drei Tage krank in die Arbeit zu schleppen und Kollegen anzustecken.»